„Vincinette“, die Siegreiche

brachte Tod und Zerstörung

 

Ein Vortrag von Meike Brinkmann zur Jahreshauptversammlung des Heimatverins Osten 2012,
Text und Recherche: Karl-Heinz Brinkmann

 

Das Leben der Menschen an der Küste ist seit den Anfängen der Besiedlung durch den ständigen Kampf gegen das Vordringen des Meeres geprägt. Zunächst schützten die Küstenbewohner sich dadurch, dass sie ihre Behausungen auf Erdhügeln (Warften) errichteten. Später wurden erste Deiche errichtet, um auch ihre Ländereien vor einer Überflutung durch salziges Meerwasser zu schützen. Immer wieder aber durchbrachen schwere Sturmfluten die Deiche und verursachten große Verluste.

Überliefert sind die großen Fluten aus den Jahren 1717 (die große Weihnachtsflut) und die vom 4. Februar 1825 wurde das Kirchspiel von einer äußerst schweren Sturmflut heimgesucht. Weitere schwere Fluten gab es 1855, 1906 und 1976.

Aber die wohl schwerste Sturmflut brachte uns das Tief „Vincinette“:

Kaum ein Ereignis in Norddeutschland hat so tiefe Spuren hinterlassen wie die Sturmflut am 16. Februar 1962.

 

Es begannt fernab unserer Region und der Deutschen Bucht, weit draußen auf dem Atlantik:

Am 14. Februar 1962 strömte kalte Luft aus Grönland auf ein Tief nahe Island zu und spaltete von diesem ein kleines Teiltief ab. Noch scheinbar harmlos ist damit das so folgenreiche Sturmtief geboren.

Es raste als „Schnellläufer“ südostwärts und verstärkte sich dabei immer mehr. Mit ihm bewegte sich ein breites Niederschlagsband aus gewittrigen Regenschauern, Schneeregen und Graupeln Richtung Festland. Bereits gegen Mittag des 15. Februar ließ das Seewetteramt des Deutschen Wetterdienstes (DWD) entlang der deutschen Nordseeküste Sturmsignale setzen. Beim für den Sturmflutwarndienst zuständigen Deutschen Hydrographischen Institut liefen nahezu kontinuierlich die Sturm- und Orkanwarnungen der Meteorologen ein.

Am Morgen des 16. Februar erreichte das Tief „Vincinette (die Siegreiche)“ mit einem Kerndruck von nur 950 Hektopascal Südskandinavien. Die in seinem Gefolge einströmende Nordmeer-Kaltluft steigerte den Nordwest-Sturm über der Nordsee allmählich zum Orkan.

Gegen 13.00 Uhr meldete das Fischereischutzboot „Meerkatze“, das sich mitten in der Nordsee aufhielt, bereits Windstärke 11. Nur sechs Stunden später, um 19.00 Uhr, kämpfte die Schiffsbesatzung schon mit einem ausgewachsenen Orkan der Windstärke 12. Das norwegische Wetterschiff „Eger“ geriet sogar in Seenot.

War die Orkanstärke allein schon bedrohlich, so sollte sich noch ein anderer Faktor als fatal erweisen: Obwohl das eigentliche Sturmtief weiter nördlich an der Deutschen Bucht vorbeizog, hielten die massiven Nordwestwinde des Orkans über Stunden bis in die Nacht des 16. Februar an. Der Sturm schob das Wasser der Nordsee in die Deutsche Bucht, die Wassermassen türmten sich immer höher.

Die Folge: Die Nachmittags-Ebbe fand nur rudimentär statt, das Wasser konnte nicht seewärts ablaufen. Auch das Wasser der Elbe war blockiert und staute sich immer stärker auf. Die eiskalten Nordwestwinde drücken in die wie einen Trichter wirkende Elbmündung.

In der Nacht vom 16. zum 17. Februar traten zwar auch hinter der deutschen Küstenlinie und in Hamburg mehrmals Orkanböen auf, doch die eigentliche Gefahr lauerte im Wasser:

Da das Ebbewasser nicht abgelaufen war, befürchteten die Experten, dass das nächste Hochwasser entsprechend höher ansteigen würde.

Und genau so kam es: Gegen 23.00 Uhr erreichte die nächste Flut ihren Höhepunkt. Das auf die Küste einströmende Wasser türmte sich noch auf die ohnehin schon angeschwollenen Wassermassen – zu hoch für die überlasteten Deiche.

Im Gegensatz zu vielen anderen Katastrophen kommen Sturmfluten nicht „aus heiterem Himmel“. Sie sind sogar in den meisten Fällen sehr gut vorherzusagen. Dass es in der Nacht zum 17. Februar 1962 trotzdem zur Katastrophe kam, lag auch nicht an einer schlechten Vorhersage.

Ganz im Gegenteil: Die Wissenschaftler des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und der Sturmflutwarndienst am Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) sind auch heute noch von der Arbeit der alten Kollegen angetan.

 

Und dennoch kam es zur folgenschweren Katastrophe.

Am schlimmsten war Hamburg betroffen, wo ein Sechstel der Stadt in Wassermassen versang. Mehr als 300 Menschen starben am 16. und 17. Februar 1962 in den Fluten, 30.000 wurden obdachlos.

Aber auch die Osteregion wurde von dem Sturmtief hart getroffen. An 24 Stellen brachen die Deiche und überfluteten das Hinterland.

 

Und wie sah es in Osten aus?

Viele ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger können sich bestimmt noch gut an die Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 erinnern, wo an fünf Stellen das Wasser über den Deich und teilweise auch durch die Häuser auf dem Deich lief.

Ein großes Glück für unseren Ort war, dass der Deich auf der Basbecker Seite bei Hellemann brach.

 

In der Ostener Chronik heißt es dazu:

[…] Da begann das Wasser plötzlich zirka 30 cm zu sinken. Der Ostedeich war an einigen anderen Stellen gebrochen. Das Wasser ergoss sich durch diese Durchbruchstellen, und so ließ der Druck auf den Deich bei Osten nach […]“.

 

[…] Noch in der Nacht zum 17. Februar waren Bundeswehreinheiten in Marsch gesetzt worden, um die Menschen zu retten und weitere Deichbrüche zu verhindern. Vor allem aber mussten die vorhandenen Deichbrüche so schnell wie möglich behelfsmäßig gesichert und in den nächsten Wochen wieder geschlossen werden. Hier hat sich die Bundeswehr sehr bewährt. Ihr unermüdlicher Einsatz wurde von der gesamten Bevölkerung hoch anerkannt. In Osten lagen etwa 200 Soldaten (Pioniere) aus Koblenz, die in Bentwisch eingesetzt wurden. Sie waren in der Ostener Sporthalle untergebracht […]“.

 

Was ich jetzt erzähle, ist ein Zeitzeugenbericht eines Soldaten, der hier in Osten im Einsatz war:

Neben den Pionieren aus Koblenz, war die 5. Kompanie des Panzergrenadierbataillons 71 unter Major Graf Plettenbert aus Seedorf eingesetzt. Kompaniechef war Hauptmann Lindemann und der damals 23-jährige Stabsunteroffizier und Zugführer Klaus Eggeling aus Salzgitter hatte hier in Osten die Zügel fest in der Hand. Ihm standen 40 Soldaten und 10 Unterführer zur Verfügung.

Allerdings war nur 1/3 des Bataillons der 5. Kompanie hier vor Ort, die anderen 2/3 mussten ein Atomlager in Walsrode sichern.

Als der Einsatzbefehl kam, konnten wir uns noch gar kein Bild von dem machen, was uns erwarten sollte. Die meisten von uns waren noch nie an der Küste. Stahlhelme und Sturmgewehre ließen wir in der Kaserne zurück und die wichtigste Waffe sollte unser Klappspaten werden.“

Am 17. Februar in Osten angekommen, suchte Stabsunteroffizier Eggeling den Kontakt zur örtlichen Polizei und zum damaligen Deichgräfe Georg Drewes der, wie Eggeling sich noch gut erinnerte, einen Opel Rekord, mit verstärkten Federn auf der linken Seite, fuhr.

Der Opel sah schon merkwürdig aus, wenn Herr Drewes nicht im Auto saß. Aber sobald er im Fahrzeug war, stand dieses auch wieder gerade auf der Straße.“

Untergebracht in einer Scheune am Fährplatz nächtigen die Soldaten im Heu und weil es im Fährkrug ein Telefon gab, wurde dort der Kompaniegefechtsstand eingerichtet. Hier fanden auch die täglichen Lagebesprechungen statt.

Ein Versuch, Kornsäcke behelfsmäßig mit Sand zu befüllen scheiterte, denn diese Säcke waren hierfür denkbar ungeeignet. Der Sand wurde aus dem Stader Raum angeliefert und die Sandsäcke kamen teilweise sogar mit dem Hubschrauber.

Es war nicht einfach für meine Kameraden, die Sandsäcke richtig zu befüllen, wir mussten es erst lernen. Schon nach kurzer Zeit war es für uns ein Kinderspiel.

Da kommt komisch Wasser aus dem Deich!“,

mit diesen Worten kam aufgeregt ein Soldat zu Eggeling, der daraufhin zu der Stelle eilte und mit seinem Fuß versuchte das Loch abzudichten, was allerdings nicht gelang und er bis zum Knie im durchweichten Deich versank.

Anschließend wurden ca. 70 Sandsäcke in der Deichstraße 13 gebraucht, um dem Wasser den Weg zu versperren.

Du hast das halbe Dorf gerettet“ freute sich Georg Drewes.

Beim Deichgräfe Drewes gab es dann anschließend Bratkartoffeln mit Speck, was eine willkommene Abwechslung zu der Kaltverpflegung der Bundeswehr war, die sich bei der kalten Witterung auch noch kaum aus der Tube drücken ließ.

Nach dieser Aktion hatten die Soldaten bei den Dorfbewohnern ein „Stein im Brett“ und wurden gut versorgt und vom Roten Kreuz gab es Kaffee und Zigaretten.

Die Nachbarkompanie, die in Bentwisch lag, hatte es allerdings nicht so gut:

Hier ging auch so langsam die Kaltverpflegung aus und so mach einer verkaufte Lebensmittel zum vierfachen Preis an die Soldaten.

Als wir davon erfuhren, machten wir uns sofort auf den Weg, um unsere Kameraden zu unterstützen.“

Und so fuhren Eggeling mit einem Teil seiner Kameraden am späten Sonntagabend (18. Februar) mit einem 5-tonner, durch die noch immer unter Wasser stehende Kranenweide, nach Bentwisch, um das dortige Panzergrenadierbataillon 73 mit „Kaltverpflegung“ zu versorgen.

Da die Scheinwerfer des LKW unter der Wasseroberfläche lagen, und der Fahrer die Fahrbahn nicht sehen konnte, legte sich Eggeling links auf dem Radkasten und leuchtete mit einer Taschenlampe den „Wasserweg“ aus, so gut es eben ging und gab Fahranweisungen an seinen Fahrer. So gelangten sie im Schritttempo nach Bentwisch.

Es hat bestimmt Stunden gedauert bis wir in Bentwisch ankamen. Ich bin sogar einmal kurz auf dem Radkasten eingeschlafen.“

Auf dem Weg dorthin gabelten sie einen jungen Mann auf, der an der Kreuzung B495, in Höhe der heutigen Firma Bremmenkamp, stand auf. Die Soldaten nahmen ihn mit nach Oberndorf. Der junge Mann kam per Anhalter aus dem Raum Bremervörde und wollte einfach nur Helfen.

Wir haben diesen durchgefrorenen und hilfsbereiten jungen Mann bei der Oberndorfer Feuerwehr abgegeben, mit der Auflage, ihn ordentlich zu verpflegen.“

Die Kompanie versorgte die Feuerwehr mit Sandsäcken, die zum Teil per Hubschrauber angeliefert wurden und packten dort mit an, wo eine Hand fehlte.

 

Inzwischen war in aller Welt über den Rundfunk, die Tageszeitungen und das Fernsehen die Nachricht von der Katastrophe bekannt geworden. Doch über das Ausmaß lagen außerhalb des Katastrophengebietes nur spärliche Meldungen vor.

Am Sonnabend setzte dann auch schon in den Nachmittagsstunden der „Besucherverkehr“ aus dem Binnenland ein. Viele kamen in ehrlicher Sorge und echter Hilfsbereitschaft. Die Mehrzahl aber witterte eine Sensation. Diese Schaulustigen blockierten auf den wenigen, noch passierbaren Straßen den Verkehr der Einsatzwagen derart, dass es kein anderes Mittel gab, als die Straßen für den „Ausflugsverkehr“ abschnittsweise zu sperren.

Auch in Osten nahm dieser „Ausflugsverkehr“ zu und Eggeling drohte damit, die Fahrzeuge der Gaffer aus dem Weg räumen zu lassen.

Zu diesem Zweck wurde auch Soldat Timm, „das war einer von der Sorte, die alles mitnehmen und überall aneckten und keine Freunde haben“

an die Kreuzung „Bremmenkamp“ postiert. Er hatte die klare Anweisung, nur Hilfsfahrzeuge passieren zu lassen.

Und diesen Befehl führte er auch ohne zu murren und mit Freude gehorsam aus.“

Es dauerte nicht lange, bis Soldat Timm meldete: „Die Kreuzung ist frei“. Auf Nachfrage von Eggeling, wie dieses so schnell möglich sei, antwortete Timm:

Einmal musste ich zuhauen, dann war die Kreuzung ganz schnell und ohne Widerworte frei“.

Die 5. Kompanie tat erst in Osten und anschließend in Basbeck, bei Hellemann, und zum Schluss noch in Oberndorf Dienst.

Insgesamt waren die Soldaten 10 Tage lang im Einsatz.

 

Ursprünglich stammt Klaus Eggeling aus Salzgitter und brachte es in seiner Bundeswehrzeit bis zum Major. Am 1. Dezember 1962 wurde den Soldaten, zum Dank für denen Hilfeleistung, eine Ehrenmedaille des Niedersächsischen Ministerpräsidenten verliehen.

Im zivilen Berufsleben war Eggeling Amtmann bei der Stadtverwaltung Salzgitter und lebt heute mit seiner Ehefrau in Cuxhaven, direkt hinterm Nordseedeich.

 

Osten ist noch verhältnismäßig glimpflich davon gekommen

Zum Abschluss meines kleinen Vortrages noch ein paar, Ihnen vermutlich, bekannten Fotos - siehe hier »

 


50 Jahre später: Am 16. Februar 2012 versteckte sich die Oste unter einer Eisdecke.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.